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»Der schönste Postbote«

IMG_0956Elternblogs boomen, massenhaft gibt es sie erst seit ein paar Jahren. Die »Netz«-Generation musste erst einmal Kinder bekommen. Christian Hanne gehört zu den Lieblingen der Szene und hat gerade ein Buch über die Gründerjahre seines »Familienbetriebs« veröffentlicht. Es heißt »Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith«. Im Interview erzählt er, was am Bloggen so reizvoll und riskant ist

 

Christian Hanne, Autor von »Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith«
Buchautor & Elternblogger Christian Hanne

Facebook und Twitter gibt es seit mehr als zehn Jahren. Blogs ebenso. Sie haben mit all dem erst vor drei, vier Jahren begonnen und sind inzwischen eine Institution der Elternblogger mit Tausenden von Followern auf diversen Kanälen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Eine »Institution der Elternblogger« zu sein, ist ja sehr relativ. Frei nach dem Twitterer »Nicht Chevy Chase« ist das so toll wie »schönster Postbote im Kaukasus« zu sein.
Ich habe 2012 begonnen, während eines Bretagne-Urlaubs abends immer mal kleine Zusammenfassungen auf Facebook zu schreiben. Das fanden die Leute halbwegs lustig, das habe ich dann im Jahr darauf wieder gemacht. Im dritten Jahr dachte ich, mach ich doch einen Blog bei WordPress draus.

Familienblogs werden immer populärer. Inzwischen soll es mehr als 2000 geben. Wer zählt das nach?

Bei Brigitte MOM gab es die Möglichkeit, seinen Blog anzumelden, das wird so als Gradmesser genommen. Die sind übrigens ziemlich gleichmäßig übers Land verteilt. In Ost und West, Nord und Süd. Ob die jetzt noch alle aktiv sind, weiß aber niemand so genau.

Christian Hanne über Elternblogger Interview
In der Oktoberausgabe der Monatszeitschrift DAS MAGAZIN, spezialisiert auf Kultur- und Alltagsthemen, erschien eine gekürzte Fassung dieses Interviews

Was ist so reizvoll am Bloggen?

Felix Schwenzel von »wirres.net« hat einmal gesagt, ein Blog ist wie eine Art Verdauungsorgan, mit dem man seinen Alltag verarbeitet. Und ich finde das Angenehme am Bloggen oder auch Twittern ist, dass ich meinen Alltag anders wahrnehme. Bewusster. Ich gucke, was er als Geschichte hergibt. Und manche Situationen lassen sich auch einfacher ertragen, wenn man darüber schreibt. Was nervt, kommt einem plötzlich wenigstens komisch vor.

Wenn man alles immer aus der Halbdistanz betrachtet, wirkt man schnell unbeteiligt, oder?

Na, 24 Stunden halte ich das natürlich nicht durch. Es sind eher anstrengende Situationen, wie Elternabende oder in der Einkaufsschlange stehen. Da hilft die Beobachterperspektive weiter. Direkt im Alltag, wenn ich zum Beispiel mit den Kindern über irgendetwas streite, dann denke ich nicht gleich, oh wie schön, Superthema, schreibe ich gleich mit. Das läuft eher im Nachhinein, wenn man versucht zu verstehen, warum man aneinander geraten ist.

Wie geht die Familie mit den Veröffentlichungen um?

Die Geschichten haben nicht so eins zu eins stattgefunden. Vielleicht einzelne Erlebnisse oder Szenen. Aber ich erweitere das oder überhöhe. Noch ist es so, dass die Kinder es ganz gut finden. Sie achten darauf, vorzukommen und sind fast enttäuscht, wenn es nicht so ist.

Christian Hanne, »Familienbetrieb«: Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith
Das Buch erschien im September 2016 im Seitenstraßen Verlag; Sie können es direkt in unserem Online-Shop bestellen.

Müssen Sie die Geschichten innenfamiliär freigegeben lassen?

Nein, manchmal lass ich meine Frau lesen, aber sie hat noch nie gesagt, so geht das nicht. Bei den Kindern kann es sein, dass es schwieriger wird, wenn sie älter werden. Jetzt sind sie dreizehn und zehn. Andererseits gehen sie sehr selbstverständlich mit sozialen Medien um. Meine Tochter hat zum Beispiel einen Instagram-Account und ist da sehr aktiv. Mit meinen Geschichten versuche ich, niemanden bloßzustellen, meine Späße gehen eigentlich alle auf meine Kosten. Meine Frau ist da möglicherweise anderer Meinung.

Wenn man Familienblogs liest, fällt auf, dass der Ton freundlicher ist, als sonst oft im Netz, wo es verbal ja oft rabiat zugeht.

Das mag das Phänomen sein, dass man sich eher mit Gleichgesinnten austauscht. Die sogenannte Filterblase. Aber es gibt auch heftige Kontroversen unter Familienbloggern. Langzeitstillen ja oder nein, Impfen ja oder nein, Familienbett ja oder nein. Meist kommentieren unter dem Text diejenigen, die der Meinung des Autors zustimmen. Die Kritiker tummeln sich dann eher dort, wo jemand wiederum ihre Position vertritt. Die »Mommy Wars«, wo Mütter übereinander herziehen, die gibt’s aber auch, jedoch eher auf Facebook und Twitter. Allerdings werden Bloggerinnen und Twitterinnen, die feministische Positionen vertreten, doch sehr häufig attackiert.

Mit Ihnen sind alle milde. Sind Sie der Hanne im Korb?

Eher der lustige Geschichtenonkel. Ich bin auch selbst nicht mehr so rigoros, ich glaube, das ist das Alter. Oder das Phlegma. Früher fand ich zum Beispiel Langzeitstillen, also dass ein Kind mit vier oder fünf noch die Brust bekommt, befremdlich. Inzwischen denke ich, soll doch jeder so machen, wie er es gut findet. Leben und leben lassen. Jeder muss einen eigenen Stil finden im Umgang mit seinen Kindern. Allen recht machen kann man es eh nicht.

Äußern Sie sich zu Politik?

Eher nicht. Aber es gibt viele Bloggerinnen, die das tun und zum Beispiel über die Probleme Alleinerziehender oder über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schreiben. Über die Schwierigkeiten, zurück ins Arbeitsleben zu kommen. Manche sind explizierter, andere weniger. Allein die Schilderung von Alltag, wie Familie heute funktioniert, vermittelt ja auch Einblicke und Haltungen. Zum Beispiel, dass sich Männer und Frauen – im Idealfall – gleichermaßen um Erziehung und Haushalt kümmern sollten.

Viele mögen an der Vernetzung, dass man Leute kennenlernt, auf die man sonst nie getroffen wäre und sich austauscht. Wollten Sie auch von Ihrer privaten Insel runter?

Nein, bei mir war es die Lust, Texte zu schreiben, die ich in meiner bürgerlichen Arbeit als PR-Berater nicht schreiben kann. Das hätte auch ein anderes Thema als Familie sein können, aber es ist doch das Thema, dass meinen Alltag enorm prägt. Durch das Bloggen entstehen dann natürlich Kontakte. Bekanntschaften, sogar Freundschaften, das ist ein sehr schöner Nebeneffekt.

Was kompensieren Elternblogs?

Eine Bloggerin, Susanne Mierau, hat das mal beschrieben als Online-Elternclan, der sich gegenseitig hilft, berät, beisteht, unterhält. Die Kleinfamilie von heute organisiert sich so ihren Austausch. Die Erfahrungen und Erlebnisse der Anderen haben eine hohe Glaubwürdigkeit, sie gelten als authentischer als Elternzeitschriften.

Lesen Sie Elternzeitschriften?

Nein.

Und andere Blogs?

Ja, wobei ich nicht nach Ratschlägen suche, sondern eher nach schönen Geschichten, die humorvoll mit dem Alltag umgehen. Ich mag Patricia Cammarata alias »Das Nuf«, die »Herzdamengeschichten« von Maximilian Buddenbohm, »Andrea Harmonika« oder »Nieselpriem« aus Dresden. Bei den Vätern: »Johnnys Papablog«, der hat etwa zur gleichen Zeit wie ich angefangen, oder die Kollegen von »Ich bin dein Vater«.

Wie vernetzen sich Familienblogger?

Es gibt seit einigen Jahren institutionalisierte Elternblogger-Treffen, zum Beispiel »Blogfamilia« in Berlin oder »Denkst« in Nürnberg. »Blogfamilia« ist als Reaktion auf die re:publica, der jährlichen Konferenz der Netzgemeinde, entstanden. Viele Eltern wollten dabei sein, merkten aber, dass es mit kleinen Kindern nicht so einfach ist und haben schließlich gesagt, dann machen wir einfach unser eigenes Treffen und organisieren uns die Betreuung selbst.

Blogfamilia und Denkst haben viele Sponsoren. Wie umschwärmt ist die Elternblogger-Szene?

Elternblogs werden als Werbe- und Kooperationsplattformen zunehmend interessanter. Als Blogger wird man häufig kontaktiert. Kindermodenhersteller, Spielsachenfirmen, teilweise auch Kosmetikfirmen, Fotobuchanbieter melden sich. Sie fragen, ob man Produkte testen will und sie vorstellt. Pro Woche bekomme ich fünf, sechs solche Mails. Wenn sie mir dann vorschlagen, einen Baby-Hochstuhl auszuprobieren, weiß ich, dass sie meinen Blog vorher nicht mal gelesen haben. Meine Kinder sind eher älter als die der meisten anderen Blogger, da ist es schwierig, sie in einen Hochstuhl zu quetschen.

Wie bestechlich sind Sie?

Ich mache solche Aktionen grundsätzlich nicht. Eine Bloggerin, Christine Finke von »Mama arbeitet«, hält es ebenso und hat es so begründet, dass sie nicht das Gefühl haben will, ihr Blog müsste den Werbefirmen gefallen, um Angebote zu erhalten. Das trifft es gut.

Der Begriff der Bestechlichkeit ist aber zu dramatisch und nicht passend. Wenn Blogger ihre Kooperationen kenntlich machen, ist das ja kein Problem. Es ist der Versuch, ein bisschen Geld mit ihren Texten zu verdienen. Manche sind bei ein, zwei Aktionen dabei, um wenigstens die Server-Kosten wieder drin zu haben, manche wollen sich aber auch ein finanzielles Standbein erarbeiten und sind geschäftstüchtiger.

Wie viel Zeit nimmt das Bloggen auf den verschiedenen Kanälen bei Ihnen in Anspruch?

Relativ viel. Auf jeden Fall mehrere Stunden in der Woche. Ich verbinde das mit Warte- oder Fahrzeiten. Wenn ich zum Beispiel meinen Sohn zum Training begleite, hat es keinen Sinn zwischendurch nach Hause zu fahren. Da suche ich mir dann eine ruhige Ecke und schreibe. Oder wenn ich Bahn fahre.

Gibt es Ärger mit der Familie, die murrt und sagt »Leg doch mal endlich das Handy weg«?

Nein, ich muss sagen, dass wir alle sehr die Möglichkeiten des Netzes schätzen. Das klingt netter als, »Wir sind alle internetsüchtig«, oder? Wir haben dabei aber klare Regeln: Beim Essen sind die Geräte nicht mit am Tisch. Und nach acht sind sie bei den Kindern generell aus. Zumindest, wenn wir es nicht vergessen.

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