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Revolte der Bauern

Schach ist meist eine stille und sehr ernste Angelegenheit. Alternative Regeln sollen das Image ändern. Lars Döring, der sich mit solchen Varianten auskennt und gerade ein Buch darüber geschrieben hat, spricht über Zombieschach, den schwachen König und die Schach-WM – mit einem smart aussehenden Titelverteidiger

Interview: Manuela Thieme / Chris Deutschländer

Schach gilt vielen als Kriegsspiel. Namen alternativer Varianten wie Atomschach, Räuberschach, Zombieschach klingen auch nicht gerade friedvoll.

Na ja, viele beliebte Spiele sind ja eher martialisch. Monopoly – die Pleite des Mitspielers ist das Ziel. Mensch ärgere dich nicht – wenn man kurz vor seinem Häuschen steht und rausgeschmissen wird, ist das doch an Brutalität kaum zu überbieten.

Frühere Schachweltmeister haben sich um alternative Regeln sehr verdient gemacht. Stimmt es, dass Räuberschach so entstand?

Räuberschach ist tatsächlich durch Weltmeister Alexander Aljechin Anfang des 20. Jahrhunderts sehr populär geworden. Erfunden hat er es jedoch nicht. Alternatives Schach hat meist viele Erfinder. Vom klassischen Schach selbst weiß man auch nicht sicher, wie es entstand. Man weiß, es kommt aus Indien, Persien, und es ist über den arabischen Raum nach Europa gelangt.

Sie sind Spezialist im Türkischschach – waren 2014 sogar Weltmeister –, wie geht Türkischschach?

Der Clou ist, dass nur die Bauern schlagen können. Sie sind ja sonst die schwächsten Figuren auf dem Brett. Hier gilt das nun für die Offiziere, und die Bauern machen Jagd auf den König. Das Spiel ist im Rheinland entstanden, im Schachverein Würselen. Vielleicht auch, weil der Ort im Dreiländereck liegt, hat man dann irgendwann eine Weltmeisterschaft draus gemacht, denn es gab auch Niederländer und Belgier, die Spaß an der Variante hatten.

Woher kommt der Name?

Das lässt sich verlässlich leider nicht klären. Könnte sein, dass es mit der Figur des Schachtürken zusammenhängt. Das war eine Konstruktion, die angeblich wie ein Schachcomputer gezogen hat und orientalisch designt war. Seine originellen Spielzüge waren später dann möglicherweise namenstiftend. Eine andere Erklärung wäre, dass es für viele Eröffnungen schon Namen gibt: die französische, russische, italienische, spanische, die katalanische – die türkische gibt es nicht. Vielleicht war das einfach die Marktlücke.

Ist die Angst davor, dass Schach als Langweiler-Sport gilt, der Grund dafür, dass es alternative Schachvarianten gibt?

Ich denke, alternative Varianten gibt es fast in allen Sportarten. Dass man sich nach Abwechslung sehnt, den Horizont erweitern will, mehr Überraschung möchte, nicht immer nur die eingefahrenen Spielzüge abarbeiten mag. Manchmal verändert das Ausprobieren neuer Regeln auch die klassische Variante. Im Fußball hat man es eine Zeit lang mit dem Golden Goal probiert und es wieder gelassen.

König, Dame, Offiziere, Volk – beim Schach herrscht noch die ganz alte »Weltordnung«. Sind die alternativen Varianten auch ein Versuch, diese hinter sich zu lassen?

Auf jeden Fall will man das Althergebrachte infrage stellen. Wobei: Alte Weltordnung? Beim Schach ist die Dame die stärkste Figur. Der König muss beschützt werden, ist eher schwach. Beim Türkischschach haben nur die Bauern etwas zu sagen, die Kleinen. Oder beim Räuberschach, in Süddeutschland als Fressschach bekannt, zählt die Stärke der Figuren gar nicht mehr, das einzige Ziel ist, die eigenen Figuren so schnell wie möglich zu verlieren.

Welche Innovationen, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, werden das klassische Schachspiel verändern?

Da wage ich keine Vorhersage. Schach wird seit Jahrhunderten so gespielt, wie wir es kennen. Diese Erfolgsgeschichte hat Gründe: Es gibt einfache Regeln für ein komplexes Spiel, es gibt keine Diskussionen – anders als beispielsweise beim Skat oder Doppelkopf, da wird ja vieles lange diskutiert. Beim Schach ist alles klar, es ist international ohne Sprache spielbar. Als ich in Manila war und dort über den Marktplatz lief, saßen da Schachspieler, sie wollten um Geld spielen. Ich konnte mich nicht mit ihnen verständigen, aber wir spielten zwei schöne Partien.

Wer hat gewonnen?

Es ging eins zu eins aus.

Hat Schach eigentlich Nachwuchsprobleme angesichts der viel aufregenderen Computerspiele, die es gibt?

Es ist einige Jahre her, da galt Schach als sehr verstaubt, aber inzwischen ist durch die Weltmeisterschaften und das Medieninteresse daran das Image wieder frischer. Zudem hat sich durch die Möglichkeiten, Partien online nachzuspielen, eine völlig neue, junge Community gebildet.

Tragen Fernsehserien wie Big Bang Theory oder Star Trek mit ihren 3-D-Schachspäßen, die in kaum einer Folge fehlen, auch dazu bei?

Es schadet sicher nicht, aber die Spieler sind da schon vom Typ Nerd: intelligent, vom Leben jedoch ein bisschen überfordert. Abgesehen davon, dass in den Serien nie klar wird, nach welchen Regeln da eigentlich gespielt wird.

Wenn Schachspieler keine Nerds sind, was sind sie dann?

Ganz verschieden, wie Menschen halt sind. Es ist ein Hobby, andere gehen schwimmen oder laufen. Wobei es stimmt, bei den Profis gibt es schon viele, mit denen man sich nur über Schach unterhalten kann. Weltmeister Magnus Carlsen, der gerade seinen Titel verteidigen will, ist da eine große Ausnahme. Er hat einen Model-Vertrag, spielt Fußball und Basketball, ist sehr weltgewandt und unterhaltsam.

Ist Schach ein Männersport?

Eher ja, obwohl bis ins Jugendalter sehr viele Mädchen in den Vereinen spielen. Das ändert sich dann leider schlagartig. Beim Schach sitzen sich die Kontrahenten unmittelbar gegenüber, es geht direkt um gewinnen oder verlieren, und Mädchen haben an so einer unmittelbaren Konfrontation vielleicht weniger Spaß.

Oder die schachspielenden Jungs reizen nicht genug zum Bleiben? Der Norweger Magnus Carlsen sieht ja ganz smart aus, vielleicht wird jetzt alles anders.

Wir werden sehen.

Ist Carlsen auch Ihr WM-Favorit?

Absolut. Er ist der Titelverteidiger. Aber er hat einen starken Gegner. Sergej Karjakin ist ein junger Russe, und Schachrussland steht hinter ihm. Für Carlsen spricht: Er hasst Unentschieden, er kämpft um Stellungen, die man vor zehn Jahren »abgeschenkt« hätte, wie die Schachspieler sagen. Und er wartet und wartet auf den Fehler des Gegners. Der hat eine Geduld, das ist Wahnsinn. Ich bin sehr gespannt.

Man merkt den Boom in Sachen Schach jetzt auch bei der WM, wo man die Partien online abonnieren kann. Oder sich gleich den Livestream auf den Rechner holt. Andererseits dauern solche WM-Spiele manchmal den ganzen Tag – und die meiste Zeit passiert nichts.

Ja, aber man kann sie doch im Hintergrund laufen lassen – wie die Tour de France. Außerdem gibt’s ein Signal, wenn ein Spieler zieht.

 

Das Interview erschien in der Dezemberausgabe 2016 der Zeitschrift DAS MAGAZIN.

Der Autor

Lars_Doering_Autor_Schach_alternativ
Lars Döring ist passionierter Vereins- und Kneipenschachspieler und Autor des Ratgebers »Schach alternativ«. Sein Interesse daran verdankt er dem Schachverein Würselen, wo alternative Spielsysteme immer besonders gepflegt wurden. Döring  wurde 2014 Weltmeister im Türkischschach. Der Autor ist Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler, lebt in Berlin und arbeitet im Deutschen Bundestag

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Das Buch

Schach_alternativ_Doering_Cover
In »Schach alternativ« stellt Lars Döring die populärsten Spielvarianten verständlich und unterhaltsam vor, u.a. Räuberschach, Doppelzugschach, Tandemschach, Atomschach, Türkischschach, Verbotsschach, Zombieschach.
Mit Regelkunde, Übungspartien, Strategie, Taktik, Tipps und Tricks:  9,90 Euro, Seitenstraßen Verlag, direkt bestellen im Online-Shop

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