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Amazon vs. lokaler Buchhandel. Ein Text und seine Folgen

War mächtig viel los nach der Veröffentlichung von »Was man als kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt«. Für Details aus dem Verlagsgeschäft scheinen viele dankbar zu sein. Und uns brachte der Text einen Einschaltquotenrekord. Was noch? Wir haben es aufgeschrieben

Text: Manuela Thieme & Chris Deutschländer

 

Blogbeitrag Screenshot »Was ein kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt«Damit hatten wir nicht gerechnet: Unser Beitrag »Was man als kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt« ist seit Mitte Februar 2015 ordentlich durchs Netz gegangen. Veröffentlicht wurde er am 16. Februar. Über 13 000 mal wurde er in den vier Tagen danach aufgerufen (inzwischen 16 000 mal). Zuerst begann er auf Twitter zu kreiseln, dann kamen Facebook und Google+ hinzu. Andere Blogs und Webseiten zitierten, kommentierten, verlinkten – wir hatten ehrlich gesagt nicht gedacht, dass unsere Erfahrungen für solch einen großen Leser_innenkreis von Interesse sind.
Jetzt beruhigt sich alles, da lohnt eine kleine Auswertung, denn es gab durchaus einige Überraschungen. Doch der Reihe nach.

Blogstatistik 21_02_2015Was bedeuten 16 000 Klicks?

Die Veröffentlichung über unsere zwiespältigen Erfahrungen mit dem klassischen Buchhandel auf der einen Seite und der verlässlicheren Amazon-Obhut auf der anderen schaffte es bei WordPress in die Charts »Blog of the day«. Bei Rivva, einem Netzscanner für die meistgeteilten Webseiten- und Bloginhalte, rangierte der Text am 17. 2. sogar auf Platz 2 der Gesamtwertung. Seither ist er zumindest in der Rubrik »Kultur« bei Rivva immer noch jeden Tag vorn dabei.

Bisher waren unsere Texte »Braucht Deutschland eine neue Fußball-Liga?« (Vereinsfußball vs. Konzernfußball) und »Es schwingt immer was mit« (Wie prägt Typografie politisches Design?) die meistgeklickten. Auch sie wurden via Twitter, Facebook und Foren oft weiterempfohlen, jedoch nicht in diesen Dimensionen. (Wobei die Idee einer »neuen Fußball-Liga« immerhin auch mal bei »Post of the day« dabei war.)

Wer hat das alles ins Rollen gebracht?

Twitter: Wer brachte den Blogbeitrag unter die Leute?Nachdem wir den Link zum Text »Buchhandel vs. Amazon« selbst auf Twitter geteilt hatten, passierte erst einmal nicht so viel – wir sind da Neulinge, ohne großes Gefolge .
Dann aber ging’s doch noch richtig los:  Für Schubkraft sorgten vor allem @kaibiermann  (> 6700 Follower),  @astefanowitsch (> 5400 Follower) und @saumselig (fast 2000 Follower).
Welches soziale Netzwerk bringt Leser?Bei Facebook geht die Post bekanntlich nicht so schnell ab wie bei Twitter, so haben wir es jedenfalls auch erlebt: Facebook brauchte einen Tag länger, erst dann dominierte es die Klickzahlen. Beim Verteilen half unser alter Heimatverein www.facebook.com/dasmagazin (>4400 Follow
er) und wiederum Kai Biermann auf seiner FB-Seite. Merci allerseits.

Bei den Blog-und Foren-Kollegen brachten lesen.net, phantanews.de, dsfo.de, reddit.com und die MDR-Kulturradio-Seite meinfigaro.de viele Klicks. Es kamen im Verlaufe der Tage auch noch Multiplikatoren hinzu, darunter wirres.net, blog.schockwellenreiter.de und ringelmiez.de mit reichlich Link-Leserschaft. (Nachtrag 23.2.: faz.net belebte das Ganze dann auch noch mal).

Warum wurde es ein Publikumserfolg?

Twitterreaktion auf Blogbeitrag »Was ein kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt«Offenbar haben wir mit dem Text einen Nerv getroffen. Die vielen Kommentare auf unserer Seite (unter dem Text) und anderswo beweisen es. Die Rückmeldungen sind oft zustimmend – gerade das hat uns am meisten überrascht. Der lokale Buchhandel scheint mehr Kritiker zu haben, als von uns vermutet.

Denn in unserem Freundes- und Bekanntenkreis teilen die wenigsten unsere Sicht der Dinge. Da gab’s wenig Beifall für den Beitrag, es gilt die ehrenwerte Devise »buy local«. Ein sympathisches Prinzip, das wir privat auch praktizieren, aber durch unsere Erfahrungen im Buchgeschäft nicht als Allheilmittel preisen können. Deshalb haben wir unsere Eindrücke auch aufgeschrieben;  wir wollten mal versuchen, unser Unbehagen genauer zu erklären.

Manche Tweets und Kommentare nannten unsere Amazon-Schilderungen naiv oder unmoralisch. Dazu gern noch einmal: Wir halten Amazon nicht für einen Wohltäter, fühlen uns jedoch im Vergleich mit Großverlagen fair behandelt (stand im Text). Und wir sind natürlich keine gedankenlosen Geschäftsleute (das Folgende stand nicht im Text): Wir wissen um soziale Wirkungen und lassen unsere Bücher seit Jahren in unserer Region drucken. Das ist bei weitem keine Selbstverständlichkeit, viele Verlagshäuser nutzen dafür günstigere Angebote im Ausland.

Wie hat der Buchhandel reagiert?

Sagen wir so: Rückmeldungen aus der Branche gab es so gut wie gar nicht. Das erinnert alles eher an lautes Schweigen. Nur eine Buchhändlerin aus dem sächsischen Meerane rief an und und fragte uns nach Plakaten, sie will ein Schaufenster für einen unserer Autoren gestalten. Nebenbei machte sie auch ihrem Ärger über den Text Luft, sie  hatte ihn via Facebook gelesen.
Ja, wir können nur immer wieder beteuern (was schon im Beitrag stand): Es gibt tolle, engagierte  Buchhändler. Aber wir erleben leider auch das Gegenteil.
Bei den Kommentaren auf unserem Blog gibt es zum Beispiel einen anonymen Eintrag, der ziemlich rumtrollt und mit folgender Bemerkung endet: »Ich weiß (…), wem ich diese Regalmeter in Zukunft nicht schenken werde. Vielen Dank für die Vorwarnung.« Eine Boykottdrohung, aha. (Zum Glück bisher die einzige, jedenfalls uns bekannte.)

Gab es Resonanz in den Medien?

Zuerst meldete sich ein Podcaster aus Köln, der zum Thema recherchieren will. Das Branchenblatt  »Buchmarkt« wiederum fragte sehr höflich an, ob man verlinken dürfe.  Klar, warum nicht. – Sie haben es sich dann jedoch offenbar anders überlegt.
In der Zeitschrift des Buchhändlerverbandes »Börsenblatt« stand  in Heft 8, Ausgabe vom 19. Februar 2015, auf Seite 13 ein Satz aus unserem Text: »Buchhändler verdienen mehr an einem Exemplar als der Autor. Ist das gerecht?« Als Solo-Zitat mit Quellenangabe, unkommentiert. Offenbar eine Denkaufgabe.

Eine Wirtschaftsredakteurin der FAZ stellte am Donnerstag noch ein paar Fragen – am Samstag sollte der Text erscheinen, wurde dann aber verschoben, weil Griechenlands Schuldenproblem in Brüssel dann doch noch flink geklärt wurde und dafür mehr Platz nötig war,  wie sie uns wissen ließ. Nun soll der Beitrag am Montag erscheinen (Nachtrag 23.2.: ist jetzt online).

Wurden mehr Bücher verkauft?

Twitterreaktion 2 auf Blogbeitrag »Was ein kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt«Es gab online ein paar mehr Bestellungen bzw. E-Book-Verkäufe, aber das war nicht Hintergedanke unserer Veröffentlichung. Ein netter Mensch gratulierte uns zwar per Mail zum »Marketingerfolg« des Blogposts. Doch da winken wir ab: Nein, es ging uns wirklich nicht um Verlagswerbung. Wir wollten tatsächlich mal das Schwarz-Weiß-Schema in den Medien – Amazon pfui, lokaler Buchhandel hui – mit ein paar mehr Facetten versehen.
Wie es scheint, war es nicht ganz vergeblich.

Und sonst noch?

Wir bekamen zwei Manuskripte angeboten. Einmal die Erfahrungen eines Karstadt-Verkäufers, einmal »bittersüße Lyrik« (wie es der Autor formuliert). Und auf Twitter meldete sich jemand, der über »eine Art Dawanda« für kleine Verlage nachdenkt. Wer Lust hat, mit ihm darüber zu reden: Wir stellen gern den Kontakt her.

Leseempfehlungen

Ein Jahr danach: »Was passiert, wenn man Amazon mal nicht verteufelt« – eine Bilanz zwölf Monate später

Nachtrag: Auf dem Blog »brasch & buch« ebenfalls eine ausführliche Betrachtung zum Thema, noch sehr viel grundsätzlicher als unsere – aus Kundensicht. Wer noch mehr lesen mag, also unbedingt auch hier vorbeischauen: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/11/08/umdenken-muss-der-stationare-handel-nicht-der-kunde-von-amazon/

Veröffentlicht am 22. 2. 2015 auf seitenfluegel.wordpress.com.

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