Recken, bitte melden

Jung und verliebt auf dem Land


Text: Anja Baum

Es war ganz still, als er kam. Nur der Hund hatte angeschlagen. Einmal, so wie es sein sollte, wenn kein Einbrecher durch unsere offene Hoftür steigt. Das Dorf hielt längst Nachtruhe, und auch des Neubauern Zähne waren schon geputzt. Statt an der Matratze horchten wir nun den kräftigen Schritten hinterher, die die Stiege hinauf zur Dach­kammer der Hoferbin strebten. Die Tochter ist im paarungsfähigen Alter, was sich in den männer­überschüssigen Nachbardörfern längst herumgesprochen hatte.
»Ob sie ihn rein lässt?«, flüsterte ich ins Ohr ihres Erzeugers, hoffend, dass der Unbekannte auch der war, für den wir ihn hielten. »Dann muss er zwölf Kilometer durch den dunklen Wald gelaufen sein. Nur, um sie zu sehen!« Ich schmiegte mich merkwürdig elektrisiert ans Brusthaar des Neubauern. Der vermutete allerdings, dass mich mehr die Angst trieb denn die Leidenschaft. Schließlich könnte der nächtliche Spaziergänger ja auch ein abseitig ver­­anlagter Fremder sein, der erst den Hund mit einer Wurst ruhig stellt und anschließend unsere stadtflüchtige Kleinfamilie mit dem Metzgerbeil zerlegt. Auch das ist schon vorgekommen in unserem einsamen Landstrich. Gerade ältere Paare, die abends noch gemeinsam in ihr Bett stiegen, fand man an­dern­tags schon mal längs- und querseitig getrennt voneinander auf.
Da aber weder Schreie aus der Mädchenkammer drangen, noch Blut die Stiege hinunterfloss, sondern süßliche Fetzen illegal gedownloadeter Kuschel­popmusik, stand fest, dass der späte Gast über uns halbwegs willkommen war. »Hauptsache«, so der Neubauer, bevor er die Augen schloss, »der Bengel kann Trecker fahren.«
Doch diese väterliche Hoffnung wurde beim Mor­­genkaffee enttäuscht. Der hochgewachsene Kerl konnte weder eine Erlaubnis zum Traktorfahren noch eine zum Vernaschen der Hoferbin vorweisen. Dass er überhaupt Asyl in ihrem Zimmer fand, war einzig dem strengen Nachtfrost geschuldet, wie die junge Dame unumwunden kundtat, während sie mit dem Esslöffel ins frische Nutellaglas fuhr.
Der junge Mann nahm diese Abfuhr erstaunlich gelassen. Statt unverrichteter Dinge sein Testos­te­ron wieder heimwärts zu tragen, bot er uns unaufge­fordert seinen durchtrainierten Körper zur Aus­beu­tung an. Er würde gern noch ein bisschen bleiben, wenn wir Arbeit für ihn hätten. Während der Neu­bauer um Fassung rang, wusste ich sofort, dieser Moment muss genutzt werden: »Mach’s wie im Mär­chen«, raunte ich ihm zu, »drei titanische Taten, dann ist die Prinzessin dein. Vielleicht!«
Als am Abend zehn Festmeter Buche zerlegt, der Kompost umgeschichtet und sogar ein Dutzend alter Kopfweiden beschnitten waren, fand der Neu­bauer, dass es mit dem Treckerführerschein gar nicht so sehr eilt. Nach dem dritten Selbstgebrannten bot er dem freudestrahlenden Waldläufer dann sogar das Bett der Tochter für die nächste Nacht an. Zu früh, wie ich fand, denn das Recken-Casting könnte sich ganz in unserem Sinne noch ein paar Runden lang hinziehen.

Erschienen in der Januarausgabe 2012 von DAS MAGAZIN. Von Anja Baum und André Meier gibt es zwei Bücher über ihr Landleben: »Hollerbusch statt Hindukusch« und »Die kleiner Ausstegerfibel«. Sie können die Bücher bei uns direkt und versandkostenfrei bestellen.

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