Meine liebe Miezekatze!

Ein offener Brief ans Haustier

Text: Kirsten Fuchs

Erstens: Möchte ich dir sagen, dass man mit Miauen keine Probleme lösen kann. Du scheinst den Eindruck zu haben, dass vom Miauen die Balkon­tür aufgeht, sich das Futter­näpf­chen nachfüllt, ich schneller nach Hause komme, dein Katzenklo wieder sauber wird, sich die Bett­decke anhebt, damit du drunterkrabbeln kannst, dass du gestreichelt wirst und dass irgendwer mit dir spielt. Nur weil ich das alles mache, wenn du so elendig rummiaust, heißt das nicht, dass du mich im Griff hast, verstanden? Du kommst dir wohl sehr mächtig vor, weil du nur zu miauen brauchst, und es geschieht alles, was du willst. Ich sag dir mal eins: Du bist ein ganz ge­wöhn­licher Ter­rorist.

Zweitens: Das Fut­ter wächst nicht einfach in deinem Napf. Das kauf ich bei Rossmann, meine liebe Katze. Das kostet Geld, und darum möchte ich, dass du das stinkende Zeug gefälligst auffrisst, bevor es noch mehr stinkt, weshalb du es dann nicht mehr fressen willst. Aber wer hat denn so lange rumgetrödelt, bis die Fliegen Eier reinlegen, hm?

Drittens: Man kann vor einem schmutzigen Poloch nicht weglaufen. Das Poloch ist an dir dran, und wenn du rennst, dann kommt es mit. Du musst das einfach putzen, du Ein­stein. Auch vor juckenden Ohren kann man nicht weglaufen. Die Ohren sind auch an dir dran, und wenn du noch so schnell durch die Stube rennst, die Ohren fallen nicht ab. Die musst du auch putzen, du Zweistein. Des Weiteren kann man die Kotze, die du mir in die Wohnung tust, nicht mit Luft zubuddeln. Du brauchst gar nicht diese lächerlichen hilflosen Bewegungen mit deinen Pfötchen zu machen. Mein Teppich besteht nicht aus Sand. Das muss ICH putzen, du Dreistein. Und du brauchst auch gar nicht so angeekelt zu gucken, wenn da Kotze von dir im Flur liegt, und dann noch so angewidert mit dem Schwanz zu zucken, das kannst du dir echt sparen.

Viertens: Könntest du dir mal merken, dass es keineswegs ein Weltuntergang ist, wenn du  zweimal hintereinander dieselbe Sorte Futter be­kommst? Wenn dir das Zeug morgens geschmeckt hat, kann es dir ruhig auch abends noch mal schme­cken. Du brauchst gar nicht so zu mauzen. Nie­mand quält dich. Alle sind gut zu dir und versuchen, dir jeden Wunsch von deinen gelben Kuller­augen abzulesen. Da musst du gar nicht wegen je­der Kleinigkeit so vernachlässigt herumschreien, nur weil mal irgendwo in der Wohnung eine Tür zu ist. Du übertreibst total. Ich werd dir mal was sagen, Katze: Die Welt ist viel kom­plizierter, als du denkst. Hinter der Wohnungstür kommt der Haus­flur. Dann kommt die Haustür. Dahinter ist Berlin. Das ist der Regierungs­sitz von Deutschland. Auf Berlin schaut ganz Deutschland. Da kann man sich nicht benehmen wie ein Baby. Dann gibt es noch Amerika, hör mir auf, wenn du das doch nur alles verstehen würdest. Kein Mensch auf der Welt hat Mitleid mit dir, nur weil ich manchmal in die Küche gehe und dich nicht sofort fütter, denn manchmal habe ich selber Hunger und fütter mich. Merk dir eins, es geht dir gut, und behaupte nicht im­­­mer­zu das Ge­gen­teil. Mein Gott, in Afrika verhungern die schwarzen Kat­zen.Du hast mich mit deinem mit­leid­erregenden Ge­­quiet­sche so weit gebracht, dass ich sofort ein schlech­tes Ge­wissen habe, wenn irgend­wo eine Tür quietscht, dann denke ich sofort hektisch: Fütter die Katz oder: Fütter die Miez. Das denke ich so hektisch, dass ich manchmal denke: Kütter die Fatz oder: Mütter die Fiez. Das macht mich noch ganz irre!

Fünftens: Liebe Katze, es ergibt überhaupt keinen Sinn, dass du nachtaktiv bist. Gewöhn dir das ab! Du machst den ganzen Tag gar nichts und gammelst nur rum, und wenn ich nachts schlafen will, kommt dir auf einmal in den Sinn, dass du auf mir herumlatschen musst. Dazu besteht doch gar kein Grund. Geh doch um mich herum, wenn ich schlafe. Wenn ich das mal mit dir machen würde, wärst du aber platt. Kannst du nicht tagsüber irgendetwas Sinnvolles ma­chen und dann nachts gefälligst müde sein? Lies doch mal ein Buch! Und ich sag dir noch was: Du könntest auch deine ganzen Haare, die du so am Tag verlierst, zu einer bestimmten Uhrzeit verlieren. Du hast doch angeblich eine innere Uhr. Guck da doch mal drauf, und dann stell dich, meinetwegen um drei, mitten ins Zimmer und verliere all die Haare, die du so vorhattest, an diesem Tag zu verlieren. Da kann ich dann eine Zeitung drunterlegen und muss nicht so oft staubsaugen. Das wäre doch auch in deinem Sinne, wo du doch solche Angst vor dem Staub­sauger hast – genauso wie vor dem Wäscheständer. Völlig hirnrissig, als ob dir der Wäscheständer schon mal was getan hat.

Achtens: Alles in der Wohnung gehört mir. Du magst es markiert haben, aber ich habe es bezahlt, und darum würde ich dir so gern verbieten, drauf zu spucken, zu kacken und zu kotzen und was du sonst noch tust, wenn du mal wach bist. Alles in meiner Wohnung ist wertvoll, aber davon hast du wieder überhaupt gar keine Ahnung. Du könntest da ja wenigstens mal drüber nachdenken, wenn du überhaupt über irgendwas nachdenkst. Ich weiß, dein Kopf ist ganz klein, und dein Gehirn darin ist noch kleiner, aber es kann doch nicht so schwer sein zu verstehen, dass es gewisse Regeln gibt, an die auch du dich halten könntest. Solange du mit deinen vier Füßen unter meinem Tisch durchläufst …

Kirsten_Fuchs_beide_BuecherEmpfehlung

Das sind Auszüge aus der Geschichte »Meine liebe Miezekatze«.
Von Kirsten Fuchs sind zwei Kurzgeschichten-Bände erschienen: »Eine Frau spürt so was nicht«, 160 Seiten und »Kaum macht man mal was falsch, ist es auch wieder nicht richtig«, 180 Seiten, mit Hörbuch. Versandkostenfrei im Online-Shop bestellen.

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