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Lesenacht 2016. Ein Rückblick in Bildern

Einfach auf die Bilder klicken, kurze Infos finden Sie über den Fotos. Für alle, die dabei waren oder wissen wollen, wie es in etwa gewesen sein könnte bei der Lesenacht 2016. Veranstaltet am 18. März vom Seitenstraßen Verlag und dem Medienpartner DAS MAGAZIN in der Schaubühne Lindenfels in Leipzig. Den ausführlichen Bericht über die Veranstaltung finden Sie hier oder direkt unter der Fotogalerie.

Wir kommen & wir bleiben

Leipziger Buchmesse: Unsere 10. Lesenacht war großartig besetzt & brachte schöne Überraschungen. Ronja von Rönne geriet kurz aus der Fassung, Kirsten Fuchs war mal nicht mehr die Jüngste, Margarete Stokowski las lustige Geschichten, Benedict Wells erkundete Schicksalsfragen, Stefan Schwarz zeigte seine neue Mütze, Anselm Neft  kam mit Aktentasche auf die Bühne. Hier unser Bericht

Text: Manuela Thieme, Fotos: @baroness

Eigentlich müssten wir jetzt aufhören. Schöner kann’s nicht mehr werden. Bei der 10. Lesenacht von Seitenstraßen Verlag und DAS MAGAZIN kreuzten sich die Wege von Lieblingsautoren der (ostdeutsch geprägten) Zeitschrift mit denen des (westdeutsch dominierten) Literaturbetriebs. Mit dabei also Stefan Schwarz, Kirsten Fuchs Anselm Neft, Ronja von Rönne, Margarete Stokowski und Benedict Wells. Die Fraktion »lebensklug, bühnenerfahren, lustig« traf auf die Abteilung »schön, jung, gefühlvoll«. Jeder hatte 30-40 Minuten, die Veranstaltung war lange vorher ausverkauft.

 

Die Autoren werden an diesem Abend alle gleichermaßen gefeiert. Die Satiriker Kirsten Fuchs, Stefan Schwarz und Anselm Neft für ihre Alltagsparodien. Margarete Stokowski mit kuriosen Kurzgeschichten reiht sich da ein, mal geht es um ihre polnische Herkunft, mal um Selbstaufklärungsversuche mit Janoschs »Mutter sag, wer macht die Kinder«. Sie ist anfangs auch auf Lesebühnen aufgetreten und kennt sich bestens aus mit eleganten Humortechniken. Spätestens seit sie für »Spiegel Online« Kolumnen schreibt, ist sie eine Medienberühmtheit, genauso wie die Romanautoren des Abends Ronja von Rönne und Benedict Wells.

Kein Weg zurück: »Hey, ich hab Dir doch gesagt, dass hier 500 Leute sitzen.«

Als Ronja von Rönne in der Schaubühne Lindenfels ankommt, hat die Lesung schon begonnen. Sie war vorher noch beim Buchmesse-Empfang ihres Verlags, »Wir kommen« ist bei »Aufbau« erschienen. Sie läuft durch den dunklen Saal Richtung Garderobe, das Publikum amüsiert sich gerade über Kurzgeschichten von Stefan Schwarz. Von Rönne dreht sich um und will zurück zur Tür: »Ich bin hier falsch. So viele Menschen. Und komische Texte. Da passe ich nicht dazu.« Tilman Rammstedt, der die 24-Jährige begleitet, muntert sie auf: »Hey, ich habe dir doch gesagt, dass hier 500 Leute sitzen. Komm, das wird schon.« Rammstedt war 2009 Gast. Neben den DAS MAGAZIN-Autoren waren immer auch Schriftsteller dabei, über die gerade viel gesprochen wurde wie Saša Stanišić, Alexander Osang, Marion Poschmann, Alex Capus, Thomas Brussig, Tex Rubinowicz.

Ronja von Rönne liest natürlich dann doch – und alle hören gespannt zu. Denn das Publikum kommt ja gerade hierher, weil es den Wechsel liebt. Kluge Reflexion macht auch gute Laune. Von Rönnes erster Roman »Wir kommen« wird in Kritiken oft als Porträt einer verwöhnten, selbstverliebten, depressiven Jugend besprochen, die an sich selbst scheitert. Das ist viel zu eindimensional. Sprachlich hochbegabt zerlegt die Autorin die gängigen Baupläne fürs Leben und führt vor, dass selbst die weniger üblichen unter den Beziehungs- und Arbeitskonzepten nicht funktionieren.
Das Gefühl, verdammt allein, verloren in dieser Welt zu sein, taugt immer als Grundthema der Literatur, man muss es halt auf neue Weise erzählen können. Von Rönne schafft das souverän mit ihrem Text. Leicht im Ton, sehr dicht, pointenreich, intensiv in der Wirkung. Die Leute im Saal haben die Ebenen jedenfalls ganz schnell verstanden. Sie sind berührt, sie lachen, weil viele Sätze in diesem Buch grandios witzig sind. Vom Alter her gehört das Publikum eher zur Elterngeneration; könnte sein, dass gerade die dankbar ist, wenn jemand erklärt, warum die jungen Erwachsenen so schön und selbstgewiss, so unglücklich und überfordert sind.

Was den meisten hier egal ist: Ronja von Rönne gilt als Reizfigur des Feuilletons, sie hat im Frühjahr 2015 einen Text in der »Welt« geschrieben, in dem sie sich über den modernen Feminismus lustig macht, was ihr verbitterte  Repliken einbrachte. Auch Margarete Stokowski, die zunächst als Kolumnisten der Taz, inzwischen bei Spiegel Online gern Gender-Fragen erörtert, ärgerte sich damals öffentlich und fand, dass von Rönnes Polemik »ohne Argumente« sei. Dann sind die beiden mal ein Bier trinken gegangen und dann noch mal. Siehe da, sie schätzen sich und verwirren ihre jeweiligen Fans nun völlig, wenn sie gemeinsame Fotos von sich posten. Vielleicht sollten in Deutschland diese ganzen unentspannten Leute in den Pro & Anti-Lagern auch mal wieder das Lächeln üben, denn vom bockigen Unverstanden-Fühlen wird ja nun auch nichts besser.

Für die Medien wäre unsere Buchmesse-Lesenacht mit Stokowski / von Rönne ein dankbares Treffen gewesen. Wir haben die Journalisten aber bewusst nicht eingeladen. Sie hätten mit ihren Kameras und Mikrofonen die Ruhe, die so ein Abend braucht, gestört. Dieser Abend gehört dem Publikum und den Autoren. Beide sind eigentlich immer voneinander angetan. Diesmal besonders. »So aufmerksam, so konzentriert, so begeisterungsfähig«, loben die Autoren, die das erste Mal da sind. Was hatten sie erwartet?

Das klingt jetzt sehr einfach, ist aber unsere Erfahrung: Im Osten hört man vielleicht noch genauer zu. Es gibt weniger Richtig und Falsch, alles ist offen, also ist man es auch. Das Unerbittliche und die Wucht bundesdeutscher Debatten hat hier nie wirklich jemand verstanden.

Benedict Wells erkundet Schicksalsfragen

Was irgendwie ganz gut zum Roman von Benedict Wells passt. Wie ergeht es einem, wenn man nicht zu den Plus-Menschen, denen alles gelingt, zu den Siegern der Geschichte gehört? Wells hat diesem Thema seinen vierten Roman gewidmet. Vor Jahren hatte er mit »Becks letzter Sommer« riesigen Erfolg, da war er 24. Er ist absolut allürenfrei, freundlich, höflich, die ganzen Tumulte im Literaturbetrieb verfolgt er allenfalls aus der Halbdistanz. Jetzt schaffte er es mit seinem neuen Buch »Vom Ende der Einsamkeit« innerhalb kurzer Zeit auf die Bestsellerliste Platz 3.

Der Autor erzählt von einer privaten Tragödie, sie ist wohl nur die Metapher für die Frage, die ihn interessiert: Was macht das Schicksal aus uns, was machen wir aus unserem Schicksal?
Drei Geschwister verlieren in der Kindheit ihre Eltern durch einen Unfall  – der Roman begleitet sie durch die nächsten dreißig Jahre und entwickelt einen enormen Sog, immer, immer will man wissen, wie es weitergeht. Benedict Wells durchbricht dabei gekonnt die Melancholie, die man erwartet. Auch sein Buch beweist wunderbar, dass große Themen nicht mit heiligem Ernst erzählt werden müssen.

Jedenfalls waren auch seine Sorgen unbegründet, der Text sei zu leise für so ein angeheitertes Auditorium. Am Ende sind alle entzückt. Und was es noch nie in den zehn Jahren gab: Die Autoren verfolgten jeweils die Auftritte der anderen Kollegen. Motto: Wir bleiben. Oft war es in den Vorjahren so, dass sie die Bühne verließen und alsbald den Saal. Was angesichts langer Messetage auch durchaus verständlich ist.
In der Schaubühne Lindenfels verbrachten sie diesmal den ganzen Abend zusammen. Erst als  das Publikum schon verschwunden war und die Kühlschrankvorräte auch, starteten sie in die Nacht. Richtung Party der »Jungen / Unabhängigen Verlage«. In ihrem Messe-Blog für die Taz schrieb Margarete Stokowski dann gleich in den Morgenstunden darüber:

»Party der Jungen Verlage / der Unabhängigen Verlage, was immer noch ein blöder Name ist, weil es keine Party der Alten Verlage / der Abhängigen Verlage gibt, aber egal, R. zahlt den Eintritt und die Getränke und sagt ›Springer lässt springen‹ und dann trinke ich zwei von etwas, was ›Polnische Hochzeit‹ heißt und wir gucken auf die ganzen Leute und alles und R. sagt: ›Wenn wir heiraten, gehört die Hälfte davon dir!‹, und ich frage: ›Ok welche Hälfte?‹ und sie sagt ›Die kleinere, haha‹ und ich sage ›Bitte die ohne die Leute‹ und sie sagt ›ok‹ und dann reden wir noch was, was privat ist.«

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