Fünf-Meter-Wurst

Text: André Meier

»Das ist ja wie damals bei Chruschtschow!«, rief mir Berthold Wittkopf zu, als die Trecker mit dem frisch geernteten Silomais an uns vorbei­schos­sen. Und dann schaute mich der letzte Welt­kriegs­­veteran des Landkreises an, als wüsste ich genau, was er damit meinte. Seit ich die 50 überschritten habe, kommt das öfter vor. Sobald man bei der lokalen Arbeitsagentur als nicht mehr vermittelbar gilt, wird man im Kreis der Dorfgreise als gleichberechtigtes Vollmitglied willkommen ge­heißen. Sich dagegen zu wehren hat keinen Zweck. Wieso auch, denn was gibt es Schöneres, als an einem sonnigen Herbsttag gemeinsam mit den be­nachbarten Zahnersatzträgern durch die endlosen Weiten des kollektiven Erinnerungs­raumes zu mar­schieren. Diesmal ging es also in die frühen Sechziger zurück. In eine Zeit, in der ich zwar noch auf dem Schaukelpferd, Berthold aber schon mit der Bierflasche an den Feldrainen der hiesigen LPG (Typ 1) saß. Damals versuchte der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruscht­schow, dem Kommu­nis­mus durch großflächigen Maisanbau zum Durch­bruch zu verhelfen. Vergeblich. Der knuffige Politi­ker wurde nicht nur von aller Welt, sondern auch von seinen eigenen Genossen ob dieser unorthodoxen Idee ausgelacht. Selbst Walter Ulbricht folgte nur unwillig den Pflanzan­wei­sungen aus Mos­kau. Im rauen Klima Ost­deutsch­lands, so unkte er, würde die exotische Frucht nicht gedeihen. »Beim Mais bin ich Fach­mann!«, maßregelte ihn Chrusch­tschow und sollte – wenigstens postum – recht behalten.
Gut, der Mann wollte das Zeug nicht in Strom umwandeln, sondern lediglich an Mensch und Tier verfüttern, pries die Pflanze als »Wurst am Stängel«. Aber vom Dosen- zum Steckdosenmais ist es ja schließlich nur ein kleiner Schritt. Und wer weiß, was passiert wäre, hätte man Chruschtschow nicht 1964 in die Rente geschickt. Immerhin haben die Russen unter seiner Ägide auch den ersten Sputnik ins All geschossen. So aber zeigt sich wieder einmal, dass die Wahr­heit meistens an einem anderen Ort gefunden wird als dort, wo sie eigentlich ge­braucht wird. Denn nun ist aus der vermeint­lichen Wunder­waffe der Welt­revolution ein probates Mittel zur grün angetünchten Profitmaximierung geworden. Seit dem Untergang des Kommunismus jedenfalls hat sich die weltweite Maisproduktion verdoppelt. Und selbst im Osten Deutschlands ist die Anbaufläche für den in Biogasanlagen zur Ener­gie­erzeugung dringend benötigten Mais mit über einer halben Million Hektar inzwischen längst größer als zur Hochzeit der von Chruschtschow initiierten Anbaukampagne. Von der Wuchshöhe ganz zu schweigen. In der hiesigen LPG (Typ 1) hatte man die Zwei-Meter-Marke nur ein einziges Mal geknackt. Das war 1962. Heute schießt das Zeug auf beiden Seiten des Feld­wegs bis zu fünf Meter himmelwärts und stimmt sogar einen pommerschen Dickschädel wie den alten Wittkopf nachdenklich. »Vielleicht haben wir da damals doch was falsch gemacht«, raunte er mir zu, als der letzte Traktor mit seiner kostbaren Last in einer Staubwolke verschwand. Und ich war mir nicht sicher, ob er damit nur den Mais meinte.

Von Anja Baum und André Meier gibt es zwei Bücher über ihr Landleben: »Hollerbusch statt Hindukusch« und »Die kleiner Ausstegerfibel«. Sie können die Bücher bei uns direkt und versandkostenfrei bestellen.

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