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Rote Bete. Geschichte eines Spätzünders

Text:  Anja Baum

Letztendlich ist alles nur eine Image-Frage. Das ist beim Garten­gemüse nicht anders als in der gro­ßen Politik. Ist jemand erst einmal als Langweiler verschrien, als Ner­ven­säge oder Weichei gelistet, wird sich kaum noch ein Kreuz hinter seinem Namen finden, egal ob in der Wahlkabine oder auf dem Speisezettel. In meiner Familie galt lange Zeit die Beta vulgaris, also die gemeine Rote Bete, als solch ein Geht-gar-nicht-Gemüse. Doch seit wir im frostigen Vorpommern siedeln, hat sich die rote Rübe vom Splitter- zum hausinternen Volks­­ge­mü­se gemausert und kommt wöchentlich mindestens zwei­mal auf den Tisch.
Nach der ersten Schale in Olivenöl gedünsteter und mit Mozzarella überbackener Roterüben­-Schei­­ben stand für meinen Mann fest, dass die DDR in den Schulbüchern der Kinder zu Recht als Schur­kenstaat gebrandmarkt wird. Ließen ihn doch die unkreativen Speiseplanwirtschaftler das halbe Leben lang in dem Glauben, dass diese Frucht nur windelweich gekocht und süß-sauer ein­gelegt als kalter Kompottersatz eine Daseins­berech­ti­gung hat.
Und so wäre es ihm vermutlich auch die restliche Lebenszeit ergangen, hätte ich nicht darauf gedrungen, auf unserem Neubauernacker vor al­lem Gemüsesorten mit Nehmerqualitäten anzubauen. Pflanzen also, denen weder Kohlweißlings- noch Kälteeinbrüche, weder Wühlmaus- noch Blattlaus­inva­sionen wirklich etwas anhaben können. Und die nicht zuletzt eine Ganzjahres-Selbst­ver­sor­gung ermöglichen. Frisch aus der Erdmiete geholt, hat die Rote Bete um diese Jahreszeit auch etwas Tröstliches für die Gärtnerinnenseele. Findet sich doch derzeit draußen nichts ähnlich Urwüchsiges und Nahrhaftes.
Inzwischen serviere ich die Bete mit Apfel, Möh­ren und Rosinen gemischt als Salat, als käseüber­backene oder mit Meerrettich dekorierte Anti­pasta und natürlich auch als mit und ohne Fleisch ge­spickte Suppe. Und seit die  jüngste Tochter weiß, dass sie farbig pullert, wenn nichts mehr auf dem Teller bleibt, ist auch sie ganz wild auf die roten Kugeln. Pädagogisch wertvoll und dazu noch ge­sün­der als alles, was man sonst so aus exotischen Regionen für die deutsche Küche herankarrt.
Die Beta vulgaris enthält Eisen und Nitrat und puscht jede Menge Sauerstoff ins Blut. Kein Wun­der, dass sich die unscheinbare Rübe bei Hochleis­tungs­sportlern als natürlicher Epo-Ersatz großer Beliebtheit erfreut. Ein halber Liter Rote-Bete-  Saft täglich soll das Trainingspotenzial um bis zu 19 Pro­zent steigern, behaupten selbst seriöse Wis­sen­­schaftler. Und auch, dass der in dem Gemüse ent­haltene Farbstoff Betanin die Leber stärkt und ihr so beim Entgiften des Körpers hilft.
Als mein Mann das las, schämte er sich, seine alte Heimat als kulinarisches Terrorsystem diffamiert zu haben. War doch offenbar die häufige Rote-Bete-Nachtischausgabe in DDR-Betriebs-, Universitäts- und Armee-Kantinen nur der gut gemeinte Versuch, die Folgen des systemimmanent hohen Schnapskonsums zu lindern.

Von Anja Baum und André Meier gibt es zwei Bücher über ihr Landleben: »Hollerbusch statt Hindukusch« und »Die kleiner Ausstegerfibel«. Sie können die Bücher bei uns direkt und versandkostenfrei bestellen.

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