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Sachen, die ihr über Spinnen nicht wissen wollt

Alles eine Frage des Vorstellungsvermögens

Text: Kirsten Fuchs

Ja, ja, ich ahne es schon, ihr findet, Spinnen sind eklig. Ihr wollt nicht erfahren, wo sie ihre Netze hinkleben, sondern wo nicht. Ihr wollt auch nicht wissen, dass es über 3000 Arten gibt und dass pro Wald ungefähr so viele Spinnen ihren alltäglichen geschäftigen Krabbeltätigkeiten nachgehen, dass auf jeden existierenden Mensch zwei Spinnen kommen.

Pro Wald – zwei Spinnen auf je­­den von uns. Doppelte Weltbevölkerung! Ihr wollt das gar nicht wissen.

Ihr wollt an was Schö­neres denken als an Spinnen, aber gibt es denn etwas Schöneres? Solch faszinierende Tiere! Das Vorderteil der Spinnen heißt Kopf­brust. Dann ist da noch der Hin­ter­leib, und da ist unten eine soge­nann­te Spinnenwarze dran, mit der das Tier verschiedene Sachen vollbringen kann. An der Kopfbrust hat die Spinne sechs Glied­ma­ßen und am Hin­ter­teil dann noch ein Paar. Macht zusammen vier Paar, also acht Beine. Das sind zu viele, ich weiß. Das ist genau das, was dieses kitzlige Gefühl im Nacken hervorruft, aber ich habe ja nicht ge­sagt, dass ihr es euch vorstellen sollt. Stellt es euch einfach nicht vor.

Denkt nicht daran, wie eine Spinne aussieht, wie sie läuft – viel zu schnell, das widerwärtige Vieh –, wie sie euren Arm hoch rennt mit ihren acht Bei­nen. Viel zu schnell. Den Arm hoch, übers Gesicht und rein in den schreienden Mund.

Statistisch verschluckt jeder Mensch in seinem Leben zwei Spinnen im Schlaf. Denkt nie wieder daran! Ich finde Spinnen interessant, und darum dränge ich euch jetzt mein Wissen über diese besonderen Tiere auf. Ihr dürft bloß nicht in eurem Kopf ein Bild entstehen lassen, zum Beispiel das einer Kreuzspinne. Konzentriert euch einfach mal auf was anderes als diese acht Beine, gestreift und fett. Und der zum Zerplatzen pralle Körper, der aussieht, als ob er pffft macht, wenn man barfuß drauf­­tritt.

Kreuzspinnen bauen wunderschöne Netze. Diese ausgewogenen Räder, in denen der Tau kit­schig perlt. Das sind die Netze von Kreuz­spinnen. Die Netze könnt ihr euch ruhig vorstellen. Die sind ja ästhetisch. Wie sie da hängen im Wald. Unge­fähr in einer Höhe von 1,50 bis 2 Metern. Genau die Hö­he, dass man beim Pilzesammeln mitten hineinrennt und dann gar nicht so schnell im Gesicht herumwischen kann, wie man will.

Bloß nicht schrei­en, denn Kreuzspinnen sind die einzigen Spinnen, die den ganzen Tag mitten in ihrem Netz auf Beute warten. Schreien? Zack, Spinne verschluckt. Und dann denkt ihr, gut, jetzt hab ich wenigstens schon eine der zwei Spinnen verschluckt, die mir in meinem Leben statistisch zu­stehen, aber nein, ihr wart ja wach. Die Statistik han­delt von im Schlaf verschluckten Spinnen.
Nicht so schö­ne Netze baut die Winkelspinne. Die heißt so, nicht nur weil sie in Winkeln ih­re biologische Nische gefunden hat, sondern weil sie einen schwar­zen schönen Win­kelflecken auf dem Hin­ter­­leib hat. In Win­keln hockt sie aber auch rum, und zwar ausschließlich. Sie ist eine dieser fiesen Mitbewohner des Menschen – die Spinne, die am häu­figsten in Gebäuden vorkommt – und meiner Meinung nach auch eine der spinnigsten überhaupt im Sinne von erschreckend. Sie ist schwarz, 18 Mil­li­meter groß, von lederner glatter Be­schaf­fenheit mit fast muskulösen Beinen und scheißflink. Nachts läuft sie unwahrscheinlich viel umher in eurer Woh­nung, in der ihr gerade mit of­fenem Mund schlaft. Manchmal verirrt sie sich in Wasch­becken und kommt nicht mehr an den glatten Wänden hoch mit ihren Beinchen. Sie ist schuld an dem Satz »Spinne am Morgen macht Kummer und Sor­gen«.

Mir ist so ein Tierchen mal im Handtuch be­geg­net, als ich mir den Mund abgewischt habe. Kam sie krabbelkrabbelkrabbel genau auf mein Gesicht zugerannt. Gott sei Dank stand ich gerade vor dem Spiegel und konnte das Hand­tuch schnell genug von mir werfen, bevor mir die Spinne in die Nase rennt. Wer weiß, wie viele Spin­nen man statistisch in sei­nem Leben in der Na­se hat! Stellt euch das bloß nicht vor. Wie sie in den Nasenhaaren mit ihren Beinen hängen bleiben und voller Angst weiter reinflüchten in das dunkle Gewölbe.

So, nun aber weiter zu den faszinierenden Angewohnheiten dieser Tiere. Es gibt ja noch Un­men­gen von Spinnen, die sich eher selten bei ei­nem zu Hause blicken lassen. Da wäre zum Bei­spiel die Gerandete Jagdspinne, groß und langbeinig. Eine der größten heimischen Spinnen. 30 Millimeter. Sie können auf dem Was­ser laufen und Jungfische und Jungfrösche fangen. Es sind halt Jagdspinnen. Sie können auch sehr gut sehen. Das mag etwas bedrohlich scheinen, weil einen der Wahn ereilen könnte, die Spinne wäre in der Lage, mich oder euch zu verfolgen, wenn sie wollte. Au­ßer­dem springt sie ihre Beute an. Ihr geht am See spazieren, und so eine 30-Millimeter-Spinne springt euch an, weil sie euch mit einem Jung­frosch verwechselt. Nicht schreien. Ihr wisst ja, zwei Spinnen im Leben, und wenn die dann auch noch so groß ist …

Kirsten_Fuchs_beide_BuecherEmpfehlung

So beginnt die Geschichte »Sachen, die ihr über Spinnen nicht wissen wollt«.
Von Kirsten Fuchs sind zwei Kurzgeschichten-Bände erschienen: »Eine Frau spürt so was nicht«, 160 Seiten und »Kaum macht man mal was falsch, ist es auch wieder nicht richtig«, 180 Seiten, mit Hörbuch. Versandkostenfrei im Online-Shop bestellen.

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