Schatz und Liebchen

Ganz kurze Analyse der großen Liebe

Text: Kirsten Fuchs

Schatz und Liebchen waren seit fünf Wo­chen Schatz und Liebchen. Davor waren sie zwei einzelne traurige Mehr­zeller mit Körper­behaarung an unterschiedlichen Stellen, aber auch an den gleichen Stellen. Nur Namen, nur Gestalten. Sie waren nur nahrungaufnehmende Münder, die sagten: »Hallound­sonst­so? Najaokay­tschau.« Dann hatten sie begonnen, ihre Münder auf­einanderzupressen, als ob das etwas besser ma­chen würde, und es machte alles besser.

Jetzt waren sie schwingende, summende, schnur­­­­rende Mehrzeller, die sich ihre Körperbe­haar­ungen gegenseitig zeigten und darin ihr Glück suchten und fanden. Sie rieben sich aneinander, bis kleine Röllchen abgerubbelter alter Haut entstanden, die zu Boden schwebten wie Rosenblätter, die das Bett umzogen wie ein Bannkreis, den man nicht verlassen will. Also blieben sie eben im Bett.

Vorher waren sie nur zwei Woh­nungs­bewoh­ner zweier Wohnungen gewesen, die ihr Telefon brauchen, um bei der Welt draußen anzurufen und dann zu sagen: »Halloundsonstso? Najaokay­tschau.«
Aber jetzt waren sie Schatz und Liebchen. Sie wohnten in sich selbst: Schatz in Liebchen und Liebchen in Schatz, und weil das so schön war, wohnten sie auch in sich selbst viel lieber: Schatz  in Schatz und Liebchen in Liebchen. Sie putzten die Fenster, die vorher nur starrende Augen waren, und die Scheiben blitzten, funkelten und strahlten. Sie standen hinter den Fenstern und winkten sich zu mit selbst gebastelten Winkelementen aus rosa Velourpapier. Der ganze real existierende Kitsch der Liebe regnete auf sie herab und goss ihre ranken und schlanken Klettertriebe der Gefühle der Menschen in der modernen Zeit der Schnell­lebig­keit.

Ihre Münder sagten nicht mehr nur: »Hallo­undsonstso? Najaokaytschau.« Sie sagten sich gan­ze Schlagertexte, ohne sich zu schämen. Schatz sagte: »Ich schenke dir den Himmel über Marzahn«, und Liebchen erstrahlte einen Stern. Liebchen sagte, sie schenke Schatz dafür das Herz, das nur für Schatz gewachsen sei, und Schatz erstrahlte ebenfalls einen Stern. Es wurde hell im Zimmer. Schatz sagte: »Mit dir ist mir die Recht­­schreibung egal, ich schreibe wunderbar groß«, und Liebchen erstrahlte ganze Sternbilder neu, das große Wagen, der kleine Muschibär und nie wieder Jungfrau. Schatz sagte in Liebchens Ohr, dass Lieb­chen die Sommerliebe bis ans Ende des Lebens wäre und ab jetzt sowieso immer Sommer. Liebchen erstrahlte eine ganze Milch­straße.

Die Spinnen in den Zim­mer­ecken mussten kotzen von so viel Geseier. Sie erhängten sich freiwillig in ihren Netzen. Die Fliegen im Schlafzimmer konnten es nicht mehr ertragen und schlugen ihre Köpfe gegen die Fensterscheiben. Dann fanden sie einen Ausgang und flüchteten zu den Nachbarn Olle und Arsch­loch, die stumm monoton ihre Hän­de um den Hals des anderen legten, aber zu träge waren, dem Gan­zen ein würdevolles Ende zu bereiten. Die Fliegen ließen sich in diesem Ge­stank nieder und warteten das dramatische Ende ab, welches für sie ein Fest­mahl werden würde.
Am schlimmsten von allen Insekten traf es aber die Mücken, die von Schatz und Liebchens Blut getrunken hatten. Einige der Liebesblut-vollgesoffenen Mü­c­­ken taumelten hinaus in die Berliner Nacht, wo sie in wahnwitziger Selbst­über­­­schät­zung versuchten, türkische Gangs zu verprügeln, Autos zu stechen, Mülltonnen umzuschubsen und Banken auszurauben. Sie starben schnell und sehr glücklich.

Auch die Freunde von Schatz und Liebchen litten. Jeder dieser Freunde hatte vorher behauptet, er wolle nichts anderes für die beiden, als dass sie wieder glücklich seien. Jetzt, wo sie es waren, waren sie widerwärtig glücklich, ekelerregend. Drei Men­schen starben beim Zugucken, wie Schatz und Lieb­chen sich anschielten, zwei Menschen wurden blind, vier Paare trennten sich, weil sie so nie werden wollten.
Schatz und Liebchen hatten, außer sich selbst, allen nur Kummer und Leid gebracht, aber davon nicht einmal etwas mitbekommen, weil sie Schwä­ne im Ohr hatten, Tauben, Rosen, Kerzen, Kon­dome.

Dann kam der schreckliche Tag, an dem Schatz und Liebchen sich für zwei Tage trennen mussten. Weh und Ach, Wei und Oh! Welch gemeiner Schachzug des Lebens riss die beiden, die doch weiße Königin und weißer König waren, so derb auseinander? Was für eine Grausamkeit des Lebens tat ihnen so etwas? Die Tante von Liebchen war verstorben, sodass das Wochenende darauf die Bei­setzung sein sollte. Am Wochenende! Wo Schatz und Liebchen zusammen so wichtige Dinge zu erledigen hatten, Leberflecken zählen und Geschichten erzählen zum Beispiel.

Aber nein, die Tante starb, und Schatz und Liebchen mussten ihre Finger auseinanderflechten, obwohl ihr Gefühl ihnen sagte, dass ihre Finger auch seine Finger waren und seine Finger auch ihre und seine Hände ihre Hände und ihre Hände seine Hände – dass ihre Hände eben ihre Hände waren. Sie entwirrten ihre Arme, sie verringerten den Unterdruck ihrer angesaugten Münder, die so fest verbunden waren wie die Magdeburger Halbkugeln, die keine zehn Pferde auseinanderbekamen. Sie mussten sich Klei­dung anziehen, Kleidung, die ihre Körper voneinander trennten, was sich so unnatürlich anfühlte, wie durch ein Land eine Mauer zu ziehen.Liebchen packte den Koffer, und Schatz schaute weinend zu. »Ich nehm dich einfach mit!«, sagte Schatz und zerrte Liebchen in den Koffer. Sie kopulierten mit klammernden Körpern den kakifarbenen Koffer kaputt. Und das sollte nun zwei Tage nicht möglich sein! Sie weinten New Or­leans’ Stra­ßen landunter.
Dann standen sie an der Tür, zwischen ihnen die Türschwelle. Sie wussten ihre Saugnapfaugen nicht zu lösen. Es schmerzte, etwas anderes anzusehen als ihre Augen, ihre Augen waren ihre Augen, seine ihre, und ihre seine, ihre ihre.

Liebchen wand sich ab und floss die Stufen hinab, floss aus dem Haus, durch den Park, und tränenblind sah Liebchen Schatz auf dem Fahrrad. Er war ihr hinterhergefahren. Schatz sprang vom Rad, das Rad fiel um. Einen letzten Kuss! Einen letzten halbstündigen Kuss! Dann schleppte sich Liebchen in die U-Bahn, und an jeder Station stand Schatz, pochenden Herzens vom Fahrradfahren, Fahrrad am Bahnhof anschließen, Rolltreppe herunterrennen, Lieb­chens Gesicht suchen. »Schatz!«, schrie Liebchen. Ein letzter Kuss, zersägt von der U-Bahntür. Lalü­lala, sang das Signal zum Türenschließen das traurige Lied.
Schatz stand auf dem Fern­bahn­hof mit Rosen. Ein letzter Kuss. Der Zug fuhr über X, X, X, X, X und X. In X stand weinend Schatz mit Rosen, und in X stand weinend Schatz mit Rosen, und in X stand weinend Schatz mit Rosen, und in X stand weinend Schatz mit Tulpen – Schatz war immer für eine Über­raschung gut. Letzte Küsse. Mit sehr, sehr, sehr vielen Blumen stieg Liebchen am Zielbahnhof aus, wo Schatz mit noch mehr Blumen stand. Es war so schwer, Abschied zu nehmen. Schatz war schweißgebadet vom Radfahren, Liebchen tränenüberströmt vor Sehnsucht. Was hatte ihr Schatz gefehlt zwischen X und X!

Liebchen weinte die ganze Beerdigung durch, ließ alle Blumen von Schatz am Grab der Tante zurück, weil es nicht zu ertragen war, durch die Blumen an Schatz erinnert zu werden, der so weit entfernt war. Schatz stand beim Essen nach der Beer­digung hinter der Restau­rant­scheibe und schaute Liebchen an. Liebchen bekam keinen Bis­sen hinunter.
»Ich muss heute abreisen, ich ertrage es nicht«, beschloss Liebchen und eilte zum Bahn­hof, wo Schatz mit Rosen stand und fragte, ob er sie in Ber­lin vom Bahnhof abholen solle.
»Oh bitte, je früher das alles aufhört, umso besser!«, hauchte Schatz und stieg in den Zug, schaute aus dem Fenster, wie Schatz auf einem Feldweg ra­delte, als wäre der Teufel hinter ihm her.
In X fragte Schatz, ob er Liebchen mit Blumen ab­holen solle, als Überraschung.
»Ja!«, hauchte Liebchen. »Aber überrasch mich doch mal und bringe keine mit.«

In X stand Schatz mit Blumen auf dem Bahnhof.
»Nein!«, hauchte Liebchen. »Ich will nur dich. Keine Blumen mehr.«
Schatz stand in Berlin am Bahnhof und hatte als Entschuldigung, dass er Liebchen immerzu Blumen geschenkt hatte, Blumen dabei.
Da war es welk geworden. Das junge Glück!

Kirsten_Fuchs_beide_BuecherEmpfehlung

Das ist die Geschichte »Schatz und Liebchen«.
Von Kirsten Fuchs sind zwei Kurzgeschichten-Bände erschienen: »Eine Frau spürt so was nicht«, 160 Seiten und »Kaum macht man mal was falsch, ist es auch wieder nicht richtig«, 180 Seiten, mit Hörbuch. Versandkostenfrei im Online-Shop bestellen.


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