Jetzt geht er

Wenn Kinder das Haus verlassen

Text: Stefan Schwarz

Nun wird er also ausgewildert. Ich muss meinen Sohn in ein fremdes W-Lan ziehen lassen. Mein Herz ist schwer. Natürlich ist er noch nicht so weit. Noch ist er pampig und schlampig. Aber so übergibt man wohl sein Kind der Welt. Als Rohprodukt. Hier kön­nen wir nichts mehr für ihn tun. Er würde nur degenerieren. Wenn er hier bliebe, würde er wo­mög­lich anfangen, seine Eltern zu verstehen. So was gehört sich nicht. In einem gesunden Leben sollte man seine Eltern erst verstehen, wenn es fast schon zu spät ist.

Haben wir ihm denn schon alles beigebracht? Selbstverständlich. Unaufhörlich sind Ratschläge auf ihn niedergeprasselt. Er müsste 150 Jahre alt wer­den, um alle Ratschläge auch nur einmal zu befolgen. Aber es hat ihn nicht interessiert. Eigent­lich auch logisch. Seinen Eltern zuzuhören ist wie in einem Ratgeber von 1960 zu lesen. Hätte ich das dräuende »Jenseits der Festanstellung lauert der Tod«-Gemunkel meiner Eltern ernst genommen, wäre ich jetzt schon das dritte Mal arbeitslos und würde gerade zum Nagellackierer heruntergeschult. Also, das macht er schon mal richtig.

Aber er muss jetzt lernen, sich von alleine artgerecht zu ernähren. Wird er herausfinden, dass Eistee und Pizza genau die beiden Lebensmittel sind, die der Körper nicht braucht? Und: Er muss jetzt lernen, ein paa­rungsbereites Weib­chen zu finden. (Aber es darf auch nicht zu paarungsbereit sein. Grundsätzlich gilt: Je paarungsbereiter ein Weib­chen, umso schlechter kann es rechnen. »Heu­te kann nix passieren!« ist eigentlich nur die Über­set­zung von »Schau dir schon mal die Düsseldorfer Ta­bel­le an!«.) Wird er begreifen, dass ein Stinkefinger manchmal nur heißt: »Bist du wahnsinnig, mich vor meinen Freundinnen anzusprechen?« Wird er überhaupt das Spröde so schätzen wie sein Vater? Wo es doch allemal besser ist, eine unterkühlte Frau beim Auftauen zu erleben als eine heiße beim Erkalten …

schwarz_scheidung_978-3937088112Weiterlesen

Den kompletten Text und noch viel mehr von Stefan Schwarz finden Sie in »Wir sollten uns auch mal scheiden lassen. Szenen eines vollkommen unveganen Liebeslebens«, Seitenstraßen Verlag, 36 Kurzgeschichten, 128 Seiten, 9.90 Euro. Versandkostenfrei im Online-Shop bestellen oder als eBook kaufen.

 

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