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Stinknormale Landluft

Text: Anja Baum

Im Garten stinkt es. Ausge­rechnet jetzt, wo sich endlich Früh­lingsduft über die frisch ge­machten Beete legen könnte, wabert übler Geruch durch unsere Selbst­versorgerparzelle; er erinnert am ehesten an ein ungesäubertes Wildtier­gehege. Ver­ur­sacherin des animalischen Gestanks ist die durch­aus  hübsche Kaiserkrone. Von der weißen Zwiebel bis zur orangefarbenen Blüte ein echter Stinker.
Doch neben Nachteilen muss alles auch irgendeinen Vorteil haben. Jedenfalls auf dem Land.  Wurde mir doch schon als Stadtkind Mief aller Art als etwas Gesundes unter die Nase gerieben. Ach, die gute Landluft, hieß es, wenn wir mit der Ber­liner S-Bahn an den Rieselfeldern vorbeifuhren. Damals regte sich noch kein Widerstand, wenn eine ganze Metropole ihre Exkremente mehr oder weniger ungefiltert in das Umland fließen ließ. Im Gegenteil, der Brandenburger Landmann nutzte den Scheiß, den der Berliner fabrizierte, für die Beschleunigung des Grünfutter- und Winter­ge­treidewachstums. Und binnen eines Jahres fand der Großstädter das, was er gerade erst unwiederbringlich entsorgt zu glauben meinte, als Nah­rungs­mittel reinkarniert auf seinem Tisch.
Natürlich wissen wir inzwischen, dass dieses vermeintliche Win-Win-Geschäft ökologisch nicht ganz koscher war. Der Boden der Riesel­fel­der versauerte bis in tiefste Schichten, das geerntete Ge­mü­se war nicht selten über die Maßen mit Schwer­metallen belastet. Aber immerhin habe ich so von Kindesbeinen auf gelernt, dass alles im besten Fall zwei Seiten hat.
Meinem Mann kann ich damit nicht kommen. Er ist ein olfaktorisches Sensibelchen und teilt meine Begeisterung für Misthaufen, Pferdeäpfel und Kaiserkrone nicht. Entfaltet sie ihre Duftkraft, macht er einen großen Bogen um unser Gemüse­beet. Ein Verhalten, das eigentlich die Wühlmaus an den Tag legen sollte. Hab ich doch nur für sie die penetrant riechende Pflanze in die Erde ge­bracht. Angeblich soll der Geruch die frechen Nager auf Abstand halten. Aber nach über zehn Jahren Gartenpraxis glaube ich daran nicht mehr so richtig. Egal ob Möhre oder Spargel, nichts ist vor den Mäusezähnen sicher. Kein Wunder, meint der Gatte, die kleinen Biester nähern sich unserem Wurzelgemüse schließlich unterirdisch und mit erdverkrusteter Nase. Die Abschreckungskraft der Kaiserkrone wirkt da offenbar nicht mehr.
Deshalb empfiehlt der Besserwisser, gasbetriebene Selbst­schussgeräte in die Mausegänge zu legen. Handels­übliche und von Naturschützern nicht auf den In­dex gesetzte.
Schon möglich, dass mit solchen Mordinstru­menten unsere Nahrungsmittelversorgung gesichert werden kann. Aber nach zwei Diktaturen verbieten sich für eine deutsche Gärtnersfrau ge­wisse Vernichtungsmittel von selbst, finde ich, und setze wider besseres Wissen weiter auf die stinkende Kaiserkrone. ■

Erschienen in  DAS MAGAZIN 05/2013. Von Anja Baum und André Meier gibt es zwei Bücher über ihr Landleben: »Hollerbusch statt Hindukusch« und »Die kleiner Ausstegerfibel«. Sie können die Bücher bei uns direkt und versandkostenfrei bestellen.

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