Fortpflanzungswille

Text: André Meier

Zugegeben, es geht auch so: Kirschlorbeer, Buchsbaum oder Thuja von der Baumarktpalette im Dutzend gegriffen und auf die Demarkationslinie seines An­we­sens gesetzt, den Raum dahinter mit Rasensamen bestreut, ein paar Rosenstöcke beidseits der Hollywoodschaukel in die Erde ge­rammt und fertig. Was so millionenfach in den städtischen Randzonen wächst, ist eine winterharte Trutzburgarchitektur. Sie spiegelt jene Gemüts­lage, in die der moderne Mensch gerät, wenn der Bausparvertrag zur Zuteilung kommt. Man lebt kommod, aber tendenziell konservativ. Denn wer was hat, hat schließlich auch was zu verlieren. Die­ser Zustand gilt gemeinhin als Gipfel des privaten Glücks, wird von der Verfassung geschützt und trotzdem gern hinter immergrünen Hecken­mau­ern vor fremder Teilhabe geschützt.
Die eigentliche »Gartenkunst« kommt dagegen generös daher. Sie sucht das Publikum, braucht den Applaus und ist zunehmend in weiblicher Hand.
Hermann Fürst von Pückler (1785-1871) war ei­ner der berühmtesten Landschaftsgestalter Deutsch­lands und unstrittig ein Mann. Im sächsischen Bad Muskau und im Nahe Cottbus gelegenen Branitz hat der Fürst Unsummen in den Sand gesetzt, um aus selbigem Landschaften wachsen zu lassen, die paradiesisch zu nennen einem nur das hiesige Klima verbietet. Aber weder der Park in Branitz noch das riesige, über die Neiße bis ins heutige Polen reichende Areal von Muskau hätten es ohne das Zutun von Pücklers neun Jahre älterer Gattin Lucie zu Weltruhm gebracht. Denn während der Fürst durch jahrelange Abwesenheit glänzte, in Briefen aus London von der Reinlichkeit der dortigen Freudenmädchen und dem guten Sitz der englischen Kondome schwärmte oder auf dem Kairoer Sklavenmarkt dunkelheutige Schönheiten als Reise- und Bettgenossinnen erwarb, sorgte die Fürstin daheim dafür, dass sein kostspieliger Gartentraum nicht platzte. Mehr als einmal rettete sie Pückler vor dem Bankrott, stritt mit Architekten und Gärtnern und drückte ganz nebenbei den fürstlichen Park­an­lagen ihren eigenen Stempel auf.
Womit natürlich nicht gesagt werden soll, dass jeder Liebesentzug durch fleißige Gartenarbeit kompensiert werden kann. Allerdings fällt auf, dass es vor allem Frauen sind, die sich in ihrer Freizeit gerne in die Erde eingraben, Kompost karren, Unkraut jäten und selbst auf die Gefahr hin, sich dabei Teint und Nägel zu versauen, kärgsten Böden üppige Nutz- und Zierpflanzen abtrotzen. In frischen Partnerschaften ist dieses Phänomen seltener anzutreffen als in gestandenen. Denn die eigentliche Blütezeit einer Parzelle beginnt in der Regel erst, wenn ihre Besitzer auf die Wechseljahre zusteuern. Während er sich brav seinem Schicksal ergibt oder ihm schlimmstenfalls durch altersungerechten Sport oder außerhäusigen Sex zu entrinnen sucht, wächst bei ihr mit dem Klimak­te­rium der Drang, sich in großen Beeten auszutoben. Was darauf schließen lässt, dass der weibliche Fort­pflanzungswille nicht erlischt, sondern sich dankenswerterweise nur verlagert: fort vom eigenen Uterus hinein in den ewig fruchtbaren Schoß von Mutter Erde.

Von Anja Baum und André Meier gibt es zwei Bücher über ihr Landleben: »Hollerbusch statt Hindukusch« und »Die kleiner Ausstegerfibel«. Sie können die Bücher bei uns direkt und versandkostenfrei bestellen.

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